Frankfurt liest ein Buch – Chronik einer Frankfurter Familie

Am 14. April begrüßte die Schulbibliothek Elisabethenschule & Fürstenbergerschule im Rahmen von „Frankfurt liest ein Buch“ die renommierte Kinder- und Jugendbuchautorin Mirjam Pressler. Als Überraschungsgast an ihrer Seite erschien Gerti Elias, Frau des kürzlich verstorbenen Buddy Elias, des Cousins von Anne Frank.

Gemeinsam stellten sie das Buch „’Grüße und Küsse an alle’ Die Geschichte der Familie von Anne Frank“ vor, das dieses Jahr im Mittelpunkt der zweiwöchigen Veranstaltungsreihe steht.

Bereits die Entstehungsgeschichte dieses Werkes zog die über 50 anwesenden Neuntklässler beider benachbarten Schulen sogleich in den Bann: Gerti Elias erzählte, wie sie vor einigen Jahren auf dem Dachboden ihres Hauses in Basel zahlreiche Briefe, Postkarten und Fotos entdeckte, die sich als Zeugnisse der Familie Frank aus zwei Jahrhunderten herausstellten.

Mirjam Pressler, die bereits Anne Franks Tagebuch aus dem Niederländischen übersetzt hatte, wurde daraufhin gebeten, aus den Dokumenten ein Buch zu gestalten. Geschickt verwob sie das Material zu dem Roman „Grüße und Küsse an alle“, der dem Leser einen Einblick in die Geschichte der jüdischen Familie wie auch des Frankfurt vergangener Tage gewährt.

Unterteilt hat Mirjam Pressler das Werk in drei große Kapitel, die jeweils den Zeitraum von etwa einem Jahrhundert umfassen. Den Anfang macht die Generation von Anne Franks Großmutter Alice, es folgen deren Kinder, im Mittelpunkt Anne Franks Tante Helene Elias, geb. Frank, der abschließende Teil ist Buddy Elias gewidmet.

Abwechselnd trugen Mirjam Pressler und Gerti Elias Passagen aus dem Buch vor. Selbstverfasste Gedichte der Kinder an die Erwachsenen, Beschreibungen einzelner Personen sowie Schilderungen der damaligen Umstände brachten den Schülerinnen und Schülern die Familienmitglieder näher und ließen den starken Zusammenhalt innerhalb der Familie und deren Weltoffenheit und Kultiviertheit erkennen. 1933 endete jäh die traditionsreiche Frankfurter Geschichte der Familie Frank: Bereits im Jahr der Machtergreifung der Nationalsozialisten verließen Otto Frank, seine Frau Edith und die Töchter Margot und Anne Frankfurt und zogen nach Amsterdam; andere Familienmitglieder fanden Zuflucht in Basel oder London.

Nach der deutschen Besetzung der Niederlande tauchte Anne Franks Familie 1942 in einem Hinterhaus in der Prinsengracht für mehr als zwei Jahre unter, wurde schließlich verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo die Mutter 1945 starb. Anne Frank und ihre Schwester Margot wurden im Oktober 1944 nach Bergen-Belsen gebracht, wo beide Anfang 1945, kurz vor der Befreiung durch britische Einheiten, an Typhus starben. Nur der Vater überlebte Auschwitz.

Ergriffen hörten die Schülerinnen und Schüler zu, wie Gerti Elias die ersten Nachrichten Otto Franks nach seiner Befreiung an seine Verwandten in der Schweiz vorlas, angesichts seiner – trügerischen – Hoffnung, dass seine Familie ebenfalls überlebt hat.

Den letzten Teil der Veranstaltung widmete Gerti Elias ihrem Mann, der sich sehr auf sein Mitwirken bei „Frankfurt liest ein Buch“ gefreut hatte. Der Schauspieler und Eistänzer hatte die Erinnerung an seine Cousine Anne Frank zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Es ist dem einzigartigen Fund auf einem Baseler Dachboden sowie Mirjam Presslers daraus entstandenem Roman unter der Beteiligung der Familie Elias zu verdanken, dass Frankfurt nun eine Jahrhunderte übergreifende literarische Dokumentation jüdischen Lebens darbieten kann: die Familiengeschichte der Familie Frank.

Guido Porten

Leiter der Schulbibliothek

Mirjam Pressler/Gerti Elias: „Grüße und Küsse an alle“ Die Geschichte der Familie von Anne Frank. Fischer Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-596-18410-1, 10,99 €